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Klimafonds
Dossier
Soziale Innovationen

Thema
Neue Lösungen für neue Rahmenbedingungen

Soziale Innovationen halten die soziale Welt zusammen. Sie bringen aber auch Neuerungen in unser Zusammenleben und machen das enorme Potenzial technischer Innovationen für die Energiewende nutzbar.

Stand: Jänner 2021

Soziale was? Soziale Innovationen? Zugegeben: Das klingt sperrig und es ist auch nicht gleich klar, was darunter zu verstehen ist. Während die meisten Menschen mit „Innovationen“ sehr konkrete Dinge verbinden – vor dem inneren Auge tauchen etwa 3D-Drucker, Smartphones und Elektroautos auf –, ist es mit unserer Vorstellungskraft bei „sozialen Innovationen“ meist schnell vorbei. Konkrete Bilder zu finden ist schwierig, geht es doch um Neuerungen im Zusammenleben, wie Beziehungen gehandhabt und verstanden werden, und um konkrete menschliche Verhaltenspraktiken.

Zu den bekanntesten sozialen Innovationen zählen die Erfindung der Sozialversicherung und die Schaffung von Genossenschaften, aber auch das Frauenwahlrecht und die Umweltbewegung. Obwohl sie völlig unterschiedliche Bereiche betreffen, basieren all diese Entwicklungen auf erkannten Problemstellungen, für deren Lösung innovative Ansätze entwickelt, Handlungspraktiken erprobt und anschließend erfolgreich verbreitet wurden. Soziale Innovationen gehen also stets mit einem Bewusstseinswandel auf gesellschaftlicher Ebene einher. Das Verständnis einer bis dahin als gegeben empfundenen gesellschaftlichen Situation verändert sich, wodurch die Entwicklung von Lösungen möglich wird, die zuvor nicht denkbar waren. Unter dem Strich sind soziale Innovationen damit nichts weniger als wünschenswerte, gesellschaftliche Weiterentwicklungen, die in gelebten Verhaltensweisen Breite und Durchsetzungskraft erreichen. Viele der neuen Lösungen sind überzeugender als althergebrachte Denkweisen und ersetzen oft traditionelle Handlungspraktiken.

Sessel und Spruch

Bei sozialen Innovationen geht es auch um innovative Denkansätze. Ziel ist es neue Lösung für oft schon lange bestehende Probleme zu entwickeln und zu etablieren. © Nikita Kachanovsky on Unsplash

Eine unklare Herkunft
Die Begriffsgeschichte der „sozialen Innovation“ ist nicht ganz eindeutig; laut der Wissensplattform Wikipedia (übrigens selbst eine soziale Innovation) wurzelt sie beim österreichischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter (1883-1950). Er bezeichnete damit den „Prozess der Entstehung, Durchsetzung und Verbreitung von neuen sozialen Praktiken in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen“. In den späten 1980er-Jahren verpasste der deutsche Soziologe Wolfgang Zapf (1937-2018) der Definition dann einen normativen Drall: Er verstand unter sozialen Innovationen neue Verhaltensweisen, die „Probleme besser lösen als frühere Praktiken und daher wert sind, nachgeahmt und institutionalisiert zu werden.“ Ähnlich auch die Europäische Kommission, die unter „sozialen Innovationen“ die „Entwicklung neuer Ideen, Dienste und Modelle zur besseren Bewältigung gesellschaftlicher Probleme“ versteht. Dabei inkludiert die Definition in der Regel einen partizipativen Anspruch: Sowohl öffentliche als auch private AkteurInnen und die Zivilgesellschaft sollen zur Entwicklung beitragen und daher einbezogen werden.

Ein großes Potenzial für die Energiewende
So sperrig der Begriff sein mag, so groß sind die Hoffnungen, die mit ihm verknüpft sind. In weiten Teilen der Gesellschaft wächst das Bewusstsein, dass unsere „imperiale Lebensweise“ (ein Begriff von Politikwissenschaftler Ulrich Brand) auf Dauer nicht mit nachhaltigem und friedlichem Zusammenleben vereinbar ist. Der Landwirt, der immer öfter mit ungewohnt langen Trockenperioden konfrontiert ist und seine Kühe nicht mehr auf der Alm halten kann, ohne täglich mit dem Tankwagen Wasser anzuliefern, weiß das. Das Kind, das die Milchstraße am nächtlichen Sternenhimmel nicht mehr entdeckt, weil der Widerschein der Straßenbeleuchtung und Leuchtreklamen das Dunkel überlagert, spürt das. Und der Plastiksammelsack, den wir trotz seiner Größe in nur wenigen Tagen mit Verpackungsresten füllen, zeigt uns allen das.

Klar ist: Um die globalen Treibhausgasemissionen in den kommenden Dekaden entscheidend zu senken und die Energiewende zu vollziehen, braucht es ein Umdenken und „Andershandeln“ im großen Stil. Die Erreichung der Energie- und Klimaziele erfordert eine aktive Planung und Koordination durch die öffentliche Hand. Ein wirklich tiefgreifender Strukturwandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft wird aber nur im Wechselspiel mutiger „Top-Down-Entscheidungen“ und gesellschaftlicher „Bottom-Up-Entwicklungen“ gelingen. Wir müssen mithilfe sozialer Innovationen gemeinschaftlich Wirtschaftsprozesse, Konsummuster, Wertesysteme und Lebensstile verändern und weiterentwickeln. Dabei kann in einer Demokratie nur ein Teil der Weichenstellungen durch „Top-Down-Prozesse“ erfolgen – also von oben nach unten, beispielsweise durch Regelungen der Politik. Die Bewegung hin zur Entwicklung, Erprobung und Verbreitung von neuen sozialen Handlungspraktiken muss zu einem großen Teil von „unten nach oben“ getragen werden.

Die Herausforderung ist also zweifach: soziale Innovationen für die Energiewende müssen erst einmal erdacht und entwickelt werden, und dann brauchen sie die Akzeptanz der Bevölkerung, damit sie auch angenommen und umgesetzt werden. Oft entstehen soziale Innovationen im Kleinen, also in regionalen Kontexten, vorangetrieben durch die Leidenschaft und Überzeugungskraft einzelner Menschen. Einzelinitiativen und innovative Gemeinden können eine Vorreiterrolle einnehmen mit Lösungspotenzialen für die breite Gesellschaft.

Pflanzen und Hand

In unserem Alltag sind wir ständig mit sozialen Innovationen konfrontiert: Die Erfindung der Sozialversicherung zählt dazu ebenso wie Urban Gardening oder Solidarische Landwirtschaft („Community Supported Agriculture“). © Benjamin Combs on Unsplash

Drei Wege zur Innovation: Kopieren, Kombinieren, Kreieren
Grundsätzlich können Innovationen auf verschiedenen Wegen zustande kommen, wobei nicht jede Innovation etwas zuvor noch nie Dagewesenes und originär Neues darstellt. Neuerungen können sich auch durch das Übertragen von erfolgreichen Lösungen in einen neuen Kontext ergeben; durch das Kombinieren und „in-Verbindung-bringen“ von Elementen, die bislang noch nie zusammen gedacht wurden, oder eben durch Kreieren, das heißt durch die Erschaffung von etwas, was zuvor noch nicht vorhanden war.

Beispiele für die Verknüpfung und das Kombinieren von Potenzialen gibt es viele – und dabei spielt manches Mal auch der Zufall eine wichtige Rolle. Wenn die alleinstehende Seniorin mit gärtnerischen Fähigkeiten beispielsweise über eine freie Hoffläche verfügt und dann mit hilfsbereiten Nachbarn in Kontakt kommt, die sich in einem Gemeinschaftsgarten mit der Seniorin engagieren möchten, dann ist das nur zum Teil planbar. Die Vorteile sind in diesem Beispiel umfassend: Mehr soziale Kontakte, weniger Bodenversiegelung, die Weitergabe von Wissen über Gemüseanbau und die Stärkung der Nachbarschaft.

4 Personen am Tisch

Wichtig, um sozialen Innovationen zum Durchbruch zu verhelfen sind engagierte Menschen, die gemeinsam Ideen entwickeln und vorantreiben. © Brooke Cagle on Unsplash

Wie entstehen soziale Innovationen?
Wie kommt aber nun Neues in die Welt? Und was können Einzelne tun, um die Entstehung neuer Ideen zu fördern? Welche Rahmenbedingungen unterstützen das Denken über gewohnte Grenzen hinaus? Und wie schaffen wir Neues, wenn es nicht um die Erfindung oder Weiterentwicklung von Produkten geht, sondern um gesellschaftliche Veränderungen? Wie bekommen wir einen neuen Blick auf alte Probleme? Wie erkennen wir neue Lösungsansätze und woher nehmen wir Experimentierfreude und Mut, um nötigenfalls gegen den Strom zu schwimmen und innovative Betrachtungsweisen und Ideen erst ins Spiel und dann ins Leben zu bringen?

Eine mögliche Antwort auf diese Fragen liefern sogenannte „innovationsfreundliche Milieus“: Viele Beispiele zeigen, dass es offene, frei zugängliche, urteilsfreie und geschützte Denk- sowie Entwicklungsräume braucht, um gemeinsam neue Ideen entwickeln und erproben zu können. Diese Denk- und Entwicklungsräume können gezielt bereitgestellt werden, zum Beispiel als „social labs“ oder „Ideenwerkstätten“. Kooperationsbereitschaft und die Förderung einer Kultur der Co-Kreation, der gemeinschaftlichen Erschaffung und Entwicklung, sind weitere wichtige Zutaten. Dazu gehören auch Experimentierfreude, ein furchtfreier Umgang mit der Möglichkeit von Fehlern und Irrtümern sowie Beweglichkeit im Denken. Wir leben vielfach eine Kultur, die von Werten wie Konkurrenz, Einzelinteressen und Durchsetzungsvermögen geprägt ist. Dies mögen zwar starke Kräfte für die Umsetzung von Vorhaben sein – für die Entwicklung von Innovationen sind sie aber Gift.

Als weitere „Zutat“ gebraucht werden Menschen, die sich auf die Zusammenarbeit mit anderen einlassen und bereit sind, kooperativ im Dienst eines gemeinsamen Anliegens zu arbeiten. Der eigene Beitrag zu einer Ideenentwicklung ist bei einer solchen Arbeitsweise bescheiden. Hier kommt es nicht auf die Einzelleistung an, sondern dass durch die Integration vieler verschiedener Blickwinkel und Erfahrungen Neues entstehen kann, also Problemlösungen, die mehr als die Summe der Einzelfälle darstellen und tatsächlich neue, bessere Qualität mit sich bringen. Zu guter Letzt brauchen neue Ideen zum Gedeihen Zeit und einen geschützten Raum – ähnlich wie eine junge Pflanze, die anfangs vor Wind und Extremtemperaturen geschützt werden muss, bis sie kräftig genug ist, um sich in der freien Natur zu behaupten.

Puzzleteile

Wie beim Puzzlespiel geht es bei sozialen Innovationen darum, die beste Lösung für ein Problem zu finden. Dabei muss nicht jede Innovation etwas zuvor noch nie Dagewesenes und originär Neues darstellen. © Bianca Ackermann on Unsplash

Methoden helfen
Eine Kultur der Kooperation und der co-kreativen Zusammenarbeit, die die Schaffung von innovationsfreundlichen Milieus fördert, stellt eine soziale Innovation in sich dar. Man kann sie durch den Einsatz entsprechender (Moderations-)Methoden unterstützen. Der Klima- und Energiefonds förderte beispielsweise mit dem Projekt SINNergyTRANS die Identifikation und Verbreitung innovationsfördernder Methoden für die Energiewende. Ziel des Projektes war es, ein Set von Methoden zusammenzustellen und in Steckbriefen zu beschreiben, mit denen soziale Innovationen für die Energiewende kreiert, begleitet und bewertet werden können. Die Projektidee wurzelte in der Beobachtung, dass selbst erfahrene InnovatorInnen – Menschen, die Innovationen und ihre Umsetzung erfolgreich anstoßen – manchmal nicht über genügend Handwerkszeug verfügen und davon profitieren, ihr Repertoire zu erweitern.

Innovations- und kooperationsfördernde Methoden ermöglichen erst, dass Menschen ihre kreativen und kooperativen Potenziale ausschöpfen können. Und diese Potenziale brauchen wir dringend, um den Weg zur Energiewende zu finden und zügig zu beschreiten!

Um die globalen Treibhausgasemissionen in den kommenden Dekaden entscheidend zu senken und die Energiewende zu vollziehen, braucht es ein Umdenken und „Andershandeln“ im großen Stil.