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Klimafonds
Dossier
Urbane Kühlung

Thema
Städte, die neuen Treibhäuser?

Unsere Städte sind zusehends von sommerlicher Überhitzung betroffen. Schuld daran ist der Klimawandel, aber auch die dichte Bebauung, Versiegelung und die Reduktion von Grünflächen. Höchste Zeit gegenzusteuern.

Stand: Mai 2019

Immer mehr Hitzetage: Stadtbewohner_innen leiden unter den hohen Temperaturen von urbanen Hitzeinseln besonders.

Immer mehr Hitzetage: StadtbewohnerInnen leiden unter den hohen Temperaturen von urbanen Hitzeinseln besonders.

Was haben Wien und Dakar gemeinsam? Auf den ersten Blick wenig: Da die österreichische Hauptstadt, lebenswerteste Stadt der Welt, knapp 1,9 Millionen EinwohnerInnen, mit dem Wienerwald als riesiges Naherholungsgebiet. Dort die Kapitale des Senegal, rund 1,2 Millionen EinwohnerInnen, legendärer Startpunkt der Rallye Paris-Dakar und damit für viele Menschen so etwas wie der Innbegriff von Hitze, Trockenheit und Staub. Auch auf den zweiten Blick sind kaum Gemeinsamkeiten der beiden Metropolen erkennbar und doch könnte Wien im Jahr 2080 klimatisch dem heutigen Dakar zum Verwechseln ähnlich sein. Dann nämlich, wenn die schlimmsten Befürchtungen des Weltklimarates IPCC eintreten und die globale Erwärmung bis dahin auf 4,2 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter ansteigt. Den Modellrechnungen zufolge könnte es dann in Graz im Jahr 2080 so warm werden wie heute in der südkroatischen Hafenstadt Dubrovnik. In Innsbruck entspräche die Tageshöchsttemperatur dann im wärmsten Monat der aktuellen in der chilenischen Hauptstadt Santiago und in Bregenz würden ähnliche klimatische Bedingungen herrschen wie heute in Melbourne in Australien.

Trends verheißen wenig Gutes

„Eine Horrorvorstellung“, nennt Simon Tschannett diese Aussichten. Der Meteorologe berät mit seinem Unternehmen „Weatherpark“ Städte, Planungsbüros und ArchitektInnen beim Umgang mit der Klimaerwärmung und bei der Realisierung von Klimaanpassungsmaßnahmen. Obwohl sein Geschäftsmodell damit zum Teil auf dem sich verändernden Klima aufbaut, kann er sich mit der Entwicklung nicht anfreunden, wie er im Gespräch mit dem Klima- und Energiefonds betont: „Selbst wenn diese Szenarien mit Vorsicht zu genießen sind, lassen sich daraus Trends ablesen und jene beim Klima verheißen – positiv formuliert – wenig Gutes.“

Neue Rekord- und Extremwerte

Das ist jetzt prinzipiell nichts Neues, die Berichte des IPCC werden seit drei Jahrzehnten von immer dramatischeren Fakten dominiert, die auf die Ursachen, Risiken und Folgen des menschengemachten Klimawandels hinweisen: beispielsweise schmelzende Polkappen, steigender Meeresspiegel, extreme Wetterereignisse. Um die ständig neuen Rekord- und Extremwerte grafisch darstellen zu können, musste die Alarmfarbskala vor einigen Jahren sogar um ein grelles Magenta erweitert werden. Wochenlange Trockenperioden, Ernteausfälle und Frühlingsmonate, die sich wie Sommer anfühlen, hinterlassen selbst in unseren ursächlich gemäßigten Breiten das Gefühl, dass da etwas in Bewegung geraten ist, dass sich das Klima wandelt.

Hitze findet Stadt

Hotspots des Klimawandels und der immer höheren Temperaturen sind die Städte, wo Asphalt, Dachflächen und Beton die Hitze des Tages speichern und sie nachts – wie Heizungen – wieder abgeben und dadurch die Erwärmung durch den Klimawandel noch verstärkt wird. Die Abwärme von Haushalten, Industriebetrieben und des Kfz-Verkehrs sowie die Ableitung des Niederschlagswassers in Kanäle und Sickerschächte – dadurch wird die natürliche Verdunstung verhindert – verschärfen diesen Effekt weiter, die Zahl der Hitzetage steigt. Während es im Durchschnitt der Jahre von 1960 bis 1979 in Wien jährlich rund neun Tage mit mehr als 30 Grad Celsius gab, zählten Meteorologen von 2000 bis 2016 bereits durchschnittlich 21 Hitzetage pro Jahr. Im heißen Sommer 2018 waren es sogar 42.

Deutliche Temperaturunterschiede

„Wir werden uns an viele Tage und Nächte mit tropischen Temperaturen gewöhnen müssen“, sagt Weatherpark-Geschäftsführer Simon Tschannett, der die Unterschiede von Stadt und Land im Sommer mit bis zu sechs Grad beziffert. „In kalten Winternächten kann der Unterschied sogar zehn Grad ausmachen“, so der Experte. „Da werden die höheren Temperaturen in der Stadt aber selten als Problem wahrgenommen.“ Zur immer größeren Herausforderung wird die Hitze hingegen während der Sommermonate und da speziell in Stadtteilen mit dichter Bebauung, kaum Grünflächen und viel Versiegelung. Dort staut sich die Wärme, Hitzeinseln – sogenannte Urban Heat Islands (UHI) – mit besonders hohen Temperaturen entstehen. Die negativen Folgen: Kaum Abkühlung in der Nacht, die BewohnerInnen können sich weniger gut erholen, die Lebensqualität sinkt. Da vor Ort kein Wasser verdunsten kann, werden auch Staubpartikel nicht mehr gebunden, das verschlechtert die Luftqualität, die Gesundheit leidet. Betroffen von den Auswirkungen sind laut dem aktuellen APCC Report „Gesundheit, Demographie und Kimawandel“ vor allem vulnerable Gruppen. Also ältere Menschen, Kranke, Kinder und aufgrund ihrer meist geringeren Einkommen und schlechten Wohnsituation (dichte Bebauung, wenig Grün) auch sozial Schwache und MigrantInnen.

Eine Maßnahme von vielen: Fassadenbegrünungen können zu einem angenehmeren Mikroklima beitragen.

Eine Maßnahme von vielen: Fassadenbegrünungen können zu einem angenehmeren Mikroklima beitragen.

Mehr Hitze- als Verkehrstote

Das Problem sollte keinesfalls unterschätzt werden: ExpertInnen rechnen in Österreich im Jahr 2030 mit 400 hitzebedingten Todesfällen pro Jahr, Mitte des Jahrhunderts sollen es bereits 1.000 sein. Damit würde es dann mehr als doppelt so viele Hitze- wie Verkehrstote geben. Simon Tschannett: „Es geht um Leben und Tod. Es ist daher höchste Zeit gegenzusteuern und die Aufenthaltsqualität in unseren Städten mit Klimawandelanpassungsmaßnahmen zu verbessern.“ Möglichkeiten dazu gibt es sowohl im Hightech- als auch im Lowtech-Bereich, sowohl teure als auch kostengünstige. Dazu zählen etwa unterschiedliche Formen der Begrünung wie Dachgärten, grüne Fassaden, Rasengleise für Straßenbahnen und Parklets. Bäume wirken als Schattenspender und natürliche „Klimaanlagen“, auch offene, fließende Gewässer oder große Brunnen kühlen. Wichtig ist aber immer der Mix mehrerer Maßnahmen, um einen nachhaltigen Effekt zu erzielen, wie Simon Tschannett betont. Durch den Ausbau und die Schaffung von Frischluftschneisen kann frische Luft aus dem Umland in die Stadt transportiert werden, selbst „Living Walls“ – mit Moos bewachsene Wände – beeinflussen das Mikroklima im unmittelbaren Umfeld positiv, zeitgleich filtern sie Autoabgase aus der Luft.

Bauliche Gegenstrategien

Mit Waldgärten lässt sich mitten in der Stadt sogar ein dauerhafter, waldartiger Vegetationsbestand mit essbaren Pflanzen (eine Übersicht frei zugänglicher essbarer Pflanzen in Städten liefert übrigens die Website www.mundraub.org) aufbauen. US-amerikanische WissenschaftlerInnen der Universität Stanford wollen die Extremtemperaturen in Städten wiederum mit baulichen Mitteln mildern. Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen stehen sogenannte photonische Membranen, die Sonnenstrahlung reflektieren können und gleichzeitig für langwellige Infrarotstrahlung durchlässig sind. Damit kehren sie das Prinzip des Treibhauseffekts in der Atmosphäre quasi um, die Membranen können die Temperaturen in Innenhöfen und auf öffentlichen Plätzen um bis zu zehn Grad senken.

Erwärmen, um zu kühlen

„Viel Potenzial liegt auch in der Verwendung anderer Baumaterialien und einer anderen Farbgebung von städtischen Oberflächen“, sagt Simon Tschannett. Seine nächste Aussage überrascht: „Allerdings macht es nicht immer Sinn, das Potenzial voll abzurufen. Wenn wir beispielsweise wie auf der griechischen Insel Santorin alle Häuser weiß streichen würden, hätten wir hohe Rückstrahleffekte. Dadurch wären die Nächte kühler, während des Tages würde man es im Freien allerdings gar nicht mehr aushalten.“ Laut dem Klimaexperten kann es sogar Sinn machen, einzelne Straßenzüge oder Plätze bewusst so zu gestalten, dass sich dort die Luft aufwärmt. „Warme Luft steigt bekanntlich auf, wodurch kalte Luft leichter nachströmen kann.“

Klimaexperte Simon Tschannett berät mit seinem Unternehmen „Weatherpark“ Städte, Planer und Architekten beim Umgang mit der Klimaerwärmung.

Klimaexperte Simon Tschannett berät mit seinem Unternehmen „Weatherpark“ Städte, PlanerInnen und ArchitektInnen beim Umgang mit der Klimaerwärmung.

Vorzeigprojekt Zieglergasse

Um ihre Bemühungen zu koordinieren, erstellen immer mehr Städte Klimaanalysen und Anpassungsstrategien. Daten wie Lufttemperatur, Wind, Strömungsverhältnisse und die Erreichbarkeit von „Entlastungsräumen“ werden dabei ebenso berücksichtigt wie die Art der Bebauung und der Nutzung. Die gesammelten und aufbereiteten Informationen fließen anschließend in die Planung von Gebäuden und Stadtteilen ein, die Schaffung neuer Grünflächen genießt dabei oberste Priorität. So auch in Wien, wo in den kommenden Jahren insgesamt 13 Hektar an neuen Parkflächen entstehen sollen, darunter der 2,8 Hektar große Elinor-Ostrom-Park in der Seestadt Nord und der 9,3 Hektar große Park am Nordbahnhofgelände mit Stadtwildnis und urbanen Terrassen. Für mehr als 150 Häuser sind Fassadenbegrünungen geplant, 3.000 Bäume sollen pro Jahr gesetzt und mithilfe der sogenannten „Schwammtechnologie“ mit großzügigen Wurzelplätzen unter der Straße und mit Versickerungsräumen für Regenwasser versehen werden. Ab dem Jahr 2024 soll dann auch das Vorzeigeprojekt „Kühle Meile“ in der Zieglergasse in Neubau neue Maßstäbe im innerstädtischen Bereich setzen. Nebelduschen, das Sonnenlicht reflektierende helle Pflastersteine und Wasserstellen machen die Verbindung zwischen Lerchenfelder Straße und Mariahilfer Straße dann zur ersten klimaangepassten Straße Österreichs. Mit Baumpflanzungen, Kühlbögen und beschatteten Sitzgelegenheiten hoffen die StadtplanerInnen die gefühlte Temperatur auf der Straße an heißen Sommertagen um fünf Grad senken zu können, die Bauarbeiten starten noch im August 2019.

Wiens erste klimaangepasste Straße: Mit gezielten Umbaumaßnahmen sollen Hitzetage in der Zieglergasse erträglicher gemacht werden.

Wiens erste klimaangepasste Straße: Mit gezielten Umbaumaßnahmen sollen Hitzetage in der Zieglergasse erträglicher gemacht werden.

Klima- und Energiefonds ist aktiv

„Das ist ein Projekt, das für andere ähnliche Umsetzungen ein wichtiger Türöffner sein kann, ähnlich wie es die Mariahilfer Straße für Begegnungszonen war“, sagt Simon Tschannett, der sich in Österreich eine leichtere Verfügbarkeit von Klimadaten wünscht, damit die Anpassungsbemühungen noch mehr Fahrt aufnehmen können. „In Deutschland verfolgt der Wetterdienst eine Open Data Policy und stellt alle Daten, die jemals gemessen wurden, kostenlos zur Verfügung. Das macht Projekte deutlich einfacher realisierbar und Ergebnisse leichter vergleichbar.“ Aber auch so werden österreichweit in immer mehr Städten und Regionen Klimaschutzprojekte und Anpassungsmaßnahmen umgesetzt. Viele davon werden im Rahmen der Smart Cities Initiative (SCI) oder der Klimawandelanpassungsregionen (KLAR!) vom Klima- und Energiefonds gefördert.

Marseille anstelle von Dakar

Sollten die Bemühungen von Erfolg gekrönt sein und das optimistische „Zwei-Grad-Ziel“ tatsächlich noch erreicht werden (also nicht wie im eingangs beschriebenen Worst-Case-Szenario eine Erwärmung von 4,2 Grad), dann würde Wien im Jahr 2080 klimatisch nicht Dakar ähneln, sondern der südfranzösischen Hafenstadt Marseille. In Graz wäre es dann so warm wie heute in Aix-en-Provence, in Innsbruck wie in Arrecife, der Hauptstadt von Lanzarote, und in Bregenz würde es sich 2080 wie heute in Katowice in Polen anfühlen. Ebendort unternahmen die Vereinten Nationen im Dezember 2018 bei der 24. UN-Klimakonferenz ihren bislang letzten Anlauf zur Klimarettung. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob das dort beschlossene Regelwerk zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens mehr als nur heiße Luft sein wird – davon haben unsere Städte nämlich schon jetzt mehr als genug.