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Klimafonds
Dossier
Soziale Innovationen

Interview
„Wir können nur gemeinsam etwas bewegen“
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Zur Person
Eric Poscher-Mika bezeichnet sich selbst als „Velokosmopolit“ und ist seit 2011 in Sachen Transportrad tätig: Als Mechaniker, Designer, Initiator der Initiative Fairvelo und Betreiber des Unternehmens Vorradeln.
„Soziale Innovationen sind neue Kooperationsformen und neue Wege, um Probleme zu lösen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.“

Unternehmer Eric Poscher-Mika forciert die Idee des Elektro-Lastenfahrrad-Teilens in Vorarlberg und fordert sozial SINNVOLLE Innovationen, die eine Transformation hin zum klimafreundlichen Leben unterstützen.

Stand: Jänner 2021

Herr Poscher-Mika, Sie beschreiben sich selbst als „Vorradler“. Was ist damit gemeint, und was hat das mit sozialen Innovationen zu tun?
Zeit meines Lebens dreht sich alles um Fahrräder. Ich wurde bereits als Kind in der Szene sozialisiert, als Jugendlicher habe ich als Fahrradbote gearbeitet, und meine Diplomarbeit für das Soziologiestudium behandelte das Thema „urbane Mobilität“ aus soziologischer Sicht. Auch nach dem Studium hat mich das Thema nicht losgelassen. Da habe ich ein Praktikum in einem Fahrradladen in Deutschland gemacht und dort auch ein Lastenradprojekt betreut sowie einen Fahrradladen gegründet und rund drei Jahre lang betrieben.

Ein Leben auf zwei Rädern also?
Ja, so könnte man das beschreiben. Ich habe mich aber natürlich auch abseits von Fahrrädern für alternative Fortbewegungsmöglichkeiten interessiert und war auch einmal bei der Tour de Sol dabei, einem Rennen für solarbetriebene Fahrzeuge, das von 1985 bis 1993 stattfand. Mit dieser Aktion wollte die Schweizerische Vereinigung für Sonnenenergie damals zeigen, dass die Solarenergie nicht nur in warmen und sehr sonnigen Gebieten funktioniert, sondern auch in Ländern wie der Schweiz. Allerdings war – für mich unverständlich – zehn Jahre später von dieser Aufbruchsstimmung nichts mehr zu spüren. Da mir dieses Thema aber sehr wichtig ist, habe ich versucht die Radkultur mit anderen Kulturformen zu verbinden und schließlich die Initiative Fairvelo ins Leben gerufen.

Fairvelo bietet Elektro-Cargobikes zum Teilen an.
Als ich nach meinem Praktikum in Deutschland nach Vorarlberg zurückkam, wurde mir klar, dass es dort eine große Nachfrage nach Elektro-Lastenrädern gibt, aber die meisten Menschen vor einer Investition zurückschrecken. Man braucht das Transportrad nicht ständig, hat vielleicht keinen Platz um es abzustellen, und die Kosten sind natürlich auch nicht gerade ohne. Da war es naheliegend über eine Form nachzudenken, die es erlaubt, gemeinsam diese Lastenräder zu nutzen …

… und Sie haben eine soziale Innovation ins Leben gerufen?
Genau. Wir haben im Vorfeld 2018 mit dem Klimabündnis die Aktion „Klimabohne on tour“ gestartet. Dabei wurden fair gehandelte Kaffeebohnen, die mit dem Segelschiff aus Kolumbien nach Amsterdam gekommen waren, mit fünf Lastenrädern von Holland nach Vorarlberg transportiert. Die Räder wurden durch private Darlehen vorfinanziert und in Vorarlberg selbst haben wir die Aktion dann genutzt, um auf die Vorteile und den guten Geschmack von fair gehandelten Kaffee aufmerksam zu machen, aber auch um die Fahrräder für Tests zur Verfügung zu stellen. Die Resonanz aus der Bevölkerung war anfangs recht gut, allerdings blieb eine Unterstützung von öffentlicher Hand leider aus. Dadurch konnte das Projekt nicht so weiterentwickelt werden, wie ursprünglich geplant. Dennoch bin ich weiter dran, ich schreibe regelmäßig im Blog und ich bin zuversichtlich, dass sich die jetzt noch recht kleine Sharing Community positiv weiterentwickeln wird.

Ihre Liebe zu Kaffee und Lastenrädern können Sie heute auch beruflich ausleben. Ihr Unternehmen „Vorradeln – Raum für Fahrradkultur“ bietet neben Rädern in allen Formen und Farben auch Kaffee und Espresso.
Aufbauend auf meinen gesammelten Erfahrungen habe ich in Dornbirn 2019 das Unternehmen Vorradeln gegründet. Das Ganze versteht sich als Raum für Fahrradkultur und neben Falträdern und Cargobikes haben wir auch Pedelecs, Accessoires und Literatur im Angebot; wir betreiben zudem eine eigene Werkstatt. Ich wurde damit gewissermaßen vom Aktivisten zum Sozialunternehmer und darf mich heute stolz als „Vorradler“ bezeichnen.

Was bedeutet für Sie soziale Innovation?
Für mich sind soziale Innovationen neue Kooperationsformen und neue Wege, um Probleme zu lösen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen – und das in vielen unterschiedlichen Facetten. Ein gutes Beispiel dafür ist „Community Supported Agriculture“, eine Organisationsform in der Landwirtschaft, bei der KonsumentInnen und LandwirtInnen eng zusammenarbeiten. Dabei finanzieren VerbraucherInnen die Kosten des landwirtschaftlichen Betriebs und erhalten im Gegenzug später einen Teil der Ernte. Die Kooperation kann sogar so weit gehen, dass die KonsumentInnen in Entscheidungen eingebunden werden, etwa was und wie produziert wird. Dadurch entsteht eine enge Verbindung zwischen Landwirtschaft und den Mitgliedern, zwischen Erzeugung und Verbrauch.

In dem Fall erfolgen Herstellung und Verbrauch regional, dadurch werden Transportwege eingespart und vor Ort Arbeitsplätze gesichert. Sind soziale Innovationen auch aufgrund ihrer vielfach regionalen Verankerung für die Energiewende so wichtig?
Definitiv. Die Energiewende muss von allen AkteurInnen in der Gesellschaft getragen werden und dafür sind regionale Initiativen ideal. Nur gemeinsam können wir etwas bewegen. Soziale Innovationen ermöglichen Beteiligung, Mitbestimmung und die Schaffung eigener Lösungen.

Welche Prozesse und Formate zur Initiierung von sozialen Innovationen haben Sie kennen gelernt?
Ich habe mit meiner Projektidee für Vorradeln bei einer der Vorarlberger Projektschmieden teilgenommen. Dies war ein gutes Format, um mich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, hat mir dann aber nicht das gebracht, was notwendig gewesen wäre: Finanzierung und konkrete Unterstützung für die nächsten Schritte. Es gibt viele Angebote für die ersten Phasen einer sozialen Innovation, aber wenig, wenn es um die Umsetzung geht.

Was hätten Sie sich dahingehend gewünscht?
Um soziale Innovationen zu ermöglichen, braucht es neben Ressourcen wie Geld und Sachmittel vor allem auch Räumlichkeiten, die man nutzen kann. Eine gute Unterstützung und Weiterentwicklung innovativer Ideen in Richtung Marktreife sind beispielsweise sogenannte Social Impact Labs. Dort kann man eine gute Idee, die kreativ vorgestellt wird, bis zu acht Monate in einem Reallabor weiterentwickeln und testen.

Was würden Sie jemanden raten, der eine soziale Innovation für die Energiewende initiieren möchte?
Einfach anfangen, die Idee auf mehrere Beine stellen, um die Erfolgschancen zu erhöhen, Sparringpartner suchen, ein Team zusammenstellen und wirtschaftlich denken. Ehrenamt ist wichtig, aber ich habe gelernt, dass es noch entscheidender ist, von Beginn an daran zu glauben, dass man mit seiner Innovation auch etwas verdienen und im besten Fall sogar davon leben kann. Diese Zielsetzung von Beginn an im Auge habend, entwickelt man die Idee ganz anders, vielleicht professioneller weiter, als wenn es auf Vereinsbasis bleibt. Recht bald sollten dann auch Bevölkerung, Politik und MultiplikatorInnen in die Idee miteingebunden werden. Wir leben in einer Zeit, in der so viel geteilt und geliked wird wie noch nie, aber wenn es darum geht, gemeinsam etwas zu tun, machen nicht viele mit.

Welches Zukunftspotenzial sehen Sie für soziale Innovationen?
Ein sehr großes. Soziale Innovationen werden immer wichtiger. Durch Corona wird die soziale Frage noch wichtiger als zuvor, neue Abgründe tun sich auf, die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Wir stehen damit ganz am Anfang von großen Veränderungen, von der wir erst eine leise Vorahnung haben. Der Konsum wird sich stark ändern, man sieht das an der zuletzt enorm gestiegenen Nachfrage im Fahrradbereich. Um mit diesen Auswirkungen und Veränderungen umzugehen, brauchen wir soziale, aber vor allem auch sozial SINNVOLLE Innovationen, zu denen alle Zugang haben und die nicht nur Luxus für einige wenige sind.