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Klimafonds
Dossier
Soziale Innovationen

Interview
„Einschränkungen dürfen nicht als Nachteil empfunden werden“
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Zur Person
Martin Fasching ist Geschäftsführer des Ingenieurbüros mfTEC Fasching KG und nahm am Altlengbacher Workshop sowie bei der Abschlusspräsentation innerhalb des Projektes „SINNergyTRANS“ teil.
„Energiewende findet nicht unter der Motorhaube statt. Wenn wir auf den technologischen Fortschritt alleine setzen, wird die Energiewende nicht gelingen.“

Martin Fasching beschäftigt sich von Berufs wegen mit elektrischen Antrieben. Wir haben mit ihm über die Nachteile der Elektromobilität und soziale Innovationen als Mittel für Veränderungen im Mobilitätsbereich gesprochen.

Stand: Jänner 2021

Herr Fasching, beim Verkehr steht die Energiewende vor großen Herausforderungen. In Westeuropa ist immer noch das Auto das wichtigste Transportmittel, nur ein kleiner Prozentsatz der Fahrzeuge wird elektrisch angetrieben, der Rest verbrennt weiterhin Benzin und Diesel. Was müsste getan werden, damit die Energiewende auch in diesem Bereich vorangetrieben werden kann?
Ich beschäftige mich berufsbedingt auch mit alternativen Antrieben und aus meiner Sicht ist die Elektromobilität nicht die vielversprechende Lösung, als die sie gerne dargestellt wird. Würden wir flächendeckend auf Elektrofahrzeuge umsteigen, hätte das auch einen deutlichen Anstieg der Nachfrage nach Strom zur Folge – alleine mit erneuerbaren Quellen kann dieser Bedarf kurz- bis mittelfristig aber unmöglich gedeckt werden. Dazu kommt eine völlig unterschätzte Produktions- und Entsorgungsproblematik bei den Batterien. Der Abbau vieler dafür unbedingt benötigter Rohstoffe erfolgt in Ländern des globalen Südens und hat dort einen enorm negativen Impact auf Umwelt und Gesellschaft. In der Gesamtbetrachtung findet dieser Punkt aber ebenso wie die offenen Recyclingfragen noch zu wenig Beachtung.

Wäre es also besser auf Alternativen zu setzen und das Elektroauto weniger zu forcieren?
Nein, nicht wirklich – auch die Alternativen haben viele Nachteile. Die Lösung kann aus meiner Sicht nur eine deutliche Reduktion unseres Energiebedarfs sein.

Weniger Verbrauch als Schlüssel für eine erfolgreiche Energiewende?
Wollen wir die Energiewende tatsächlich schaffen, dann wird uns nichts anderes übrigbleiben, als dass wir unseren Pro-Kopf-Energieverbrauch in den kommenden Jahren deutlich senken. Alleine mit effizienteren Produkten und technischen Innovationen wird das nicht im notwendigen Maßstab möglich sein, die Energiewende findet schließlich nicht unter der Motorhaube statt. Die Kunst wird es sein, dass wir es mit regionalen und sozial intelligenten Maßnahmen und einer Änderung unserer Gewohnheiten und Denkweisen schaffen, dass sich Einschränkungen nicht wie Nachteile anfühlen, sondern möglicherweise sogar wie Vorteile. Ideal wäre es, wenn wir uns nachhaltiger verhalten und uns dabei auch noch gut fühlen.

Und hier kommen soziale Innovationen ins Spiel?
Genau. Nehmen wir beispielsweise meine Heimat Altlengbach: Der Ort ist sehr zersiedelt, und es ist daher kaum möglich, ohne Auto zum nächsten Bahnhof in Eichgraben zu kommen, um beispielsweise weiter nach Wien zu pendeln. Viele BewohnerInnen müssen weite Wege zu Bushaltestellen in Kauf nehmen, wenn sie trotzdem öffentlich fahren wollen. Da es im Ort kaum Nahversorger gibt, erhöht sich die Abhängigkeit vom Auto weiter. Kein Wunder also, dass bei uns sehr viele Familien sogar zwei Fahrzeuge besitzen und praktisch alle Alltagswege mit dem Auto erledigt werden. Schon mit vergleichsweise einfachen Maßnahmen könnte man an dieser unbefriedigenden Situation aber etwas ändern und Menschen anstelle des auf den ersten Blick bequemen Auto für Alternativen begeistern.

Können Sie Beispiele nennen?
Mikro-ÖV-Systeme wie Ruftaxis könnten beispielsweise auch Bereiche abseits der wenigen großen Verkehrsknoten abdecken, das würde vielen BewohnerInnen den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel erleichtern. Das Bringen und Abholen der Kinder in und von Kindergärten und Schulen könnte mit von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Elektro-Sammeltaxis erfolgen. Und wenn man die Nahversorgung stärken würde, könnte man viele Einkäufe überhaupt vor Ort erledigen und gänzlich auf Fahrten in die Nachbarortschaften verzichten. Es müsste zumindest tageweise möglich sein, gemeinsam Autos zu nützen, ohne eingeschränkt zu sein, um zum Job, zur Ausbildung oder zu beruflichen und privaten Terminen zu kommen.

Sie meinen, dass mehrere Familien gemeinsam Fahrzeuge nutzen? Gibt es dahingehend bereits Initiativen und Bemühungen?
Noch nicht, aber wir arbeiten in der Nachbarschaft gerade an einem entsprechenden Konzept. Ich wohne hier mit meiner Familie auf einem Hügel und ebenso wie vier Nachbarsfamilien haben wir zwei Autos. Gemeinsam planen wir nun eine Lösung, um die Zahl der Fahrten zu reduzieren, ohne unsere Mobilität wesentlich einzuschränken.